Fliessende Raumstrukturen stärken die Zusammenarbeit. Ein historisches Industrieschloss am Reinfall wird zum Schauplatz von Vision, Mensch, Raum, Technik und Industrie. Eine Neuzonierung der Innenräume hinter der denkmalgeschützen Fassade bricht soziale Hierarchien auf und schafft geschossübergeifende und neue Sichtbeziehungen. So entsteht eine austauschorientierte Arbeitslandschaft durch vielseitige Begegnungsqualitäten und eine interdisziplinäre Nutzbarkeit mit Identität.
Ausgangslage
Das um 1900 erbaute Industrieschloss «Laufenhaus» in Neuhausen ist ein einzigartiger Zeitzeuge der Schweizer Industrialisierung. Seine aussergewöhnliche Lage direkt am Rheinfall – dem grössten Wasserfall Europas – unterstreicht die enge Verbindung zwischen industrieller Pionierleistung und der energiegebenden Kraft der Natur.
Heute dient das Laufenhaus der SIG (Schweizerische Industriegesellschaft) als Hauptsitz. Es ist Teil des SIG Areals, das sich vollständig im Besitz der gemeinnützigen Stiftung SIG befindet. Diese transformiert das ehemals geschlossene Industrieareal etappenweise zu einem offenen Quartier mit Wohn-, Arbeits- und Begegnungsangeboten. Ziel ist eine ausgewogene Mischnutzung, die Unternehmertum fördert und den Ort langfristig belebt.
Das Laufenhaus wurde zuletzt 1990 renoviert. Dabei gingen viele historische Innenraumelemente verloren: Abgehängte Decken, klassische Zweierbüros und eine stark hierarchische Raumorganisation prägten fortan das Gebäude. Mit dem Wunsch nach einem zeitgemässen, repräsentativen Hauptsitz stellte sich die Frage nach einem grundlegenden Umbau – zunächst sogar nach einem Neubau. In Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft entwickelte Dost Architektur jedoch eine Strategie, das historische Industrieschloss behutsam in die Gegenwart zu überführen und als modernen, effizienten Arbeitsplatz neu zu interpretieren.
Projekt
Ziel der Raumplanung war es, die verborgenen Qualitäten des Bestands freizulegen und durch gezielte Eingriffe erlebbar zu machen. Die klare Gliederung in Hoch- und Längsbau hatte ursprünglich eine vertikale Hierarchie nahegelegt – Führung oben, Mitarbeitende unten. Das Projekt setzte bewusst an diesem Punkt an und brach diese Struktur auf.
Die neue räumliche Organisation fördert Begegnung und Austausch – sowohl unter den Mitarbeitenden als auch zwischen Teams und Führungsebene. Durch das Öffnen ganzer Geschossdecken entstehen neue Sichtbeziehungen, die das Volumen und die Grosszügigkeit des Industrieschlosses erstmals ganzheitlich erfahrbar machen.
So wird das historische Gebäude am Rheinfall zum Schauplatz eines zeitgemässen Zusammenspiels von Mensch, Raum, Technik und Industrie. Durchlässigkeit und Sichtbarkeit werden dabei nicht nur als visuelle, sondern auch als soziale Qualitäten verstanden und bilden die Grundlage einer austauschorientierten Arbeitslandschaft mit starker Identität.
Innerhalb der bestehenden Aussenform des national geschützten Bauwerks entwickelte Dost Architektur ein fliessendes Raumkonzept. Geschossübergreifende Öffnungen schaffen höhenvariable Sichtachsen, über die sich die einzelnen Bereiche visuell und räumlich miteinander verbinden. Begegnungsräume fungieren dabei als Gelenke, die Orientierung geben und den inneren Zusammenhang des Hauses stärken.
An der Schnittstelle von Hoch- und Längsbau entsteht ein zentraler Ort der gemeinschaftlichen Wertschätzung – dort, wo die eigentliche Qualität zeitgemässer Arbeitswelten liegt: im informellen Austausch, in Pausen und spontanen Begegnungen.
Das Projekt ist konsequent barrierefrei gedacht. Anstatt Barrierefreiheit additiv über Rampen zu lösen, ist sie integraler Bestandteil des räumlichen Konzepts. Eine sorgfältige Analyse von Arbeits-, Verkehrs-, Archiv- und Gemeinschaftsflächen ermöglichte eine Reorganisation zugunsten grosszügiger Begegnungszonen – mit spürbar positiver Wirkung auf Arbeitsqualität und -klima.
Glaseinbauten fungieren als vermittelnde Schicht zwischen Bestand und neuer Arbeitskultur. Sie strukturieren den Raum, ohne ihn zu schliessen, und ersetzen hierarchische Abgrenzungen durch visuelle und soziale Durchlässigkeit. Transparenz wird zum räumlichen Prinzip: Sie fördert Orientierung, Begegnung und einen niederschwelligen Austausch über disziplinäre und organisatorische Grenzen hinweg.
Im historischen Kontext des Laufenhauses schaffen die Glaskörper einen bewussten Kontrast. Sie formulieren Zeitgenossenschaft, ohne den Bestand zu konkurrenzieren, und machen die Transformation des Gebäudes lesbar. Anstelle einer Anpassung durch Imitation entsteht ein Dialog zwischen Alt und Neu, in dem beide ihre Eigenständigkeit bewahren. So wird Glas zum Träger einer Haltung: Es übersetzt die Werte einer offenen, kollaborativen Arbeitswelt in räumliche Struktur und ermöglicht zeitgemässe Arbeitsplatzqualitäten innerhalb eines geschützten Bestands – nicht trotz, sondern gerade durch dessen Weiterentwicklung
Projektinformation
Standort: Neuhausen SH
Nutzung: Unternehmens-
hauptsitz
Aufgabe: Umbau
Auftrag: Direktauftrag
Kennzahlen:
Nutzfläche total: 3’765m2
Bürofläche/Sitzungs-
zimmer: 2’2090m2
Nebenräume/Lager/
Archiv/WC: 690m2
Begegnungszonen: 554m2
Erschliessung: 430m2




