''mitenand'': Ein Ort der Vernetzung und Vielfalt
Das Projekt verbindet eine klare städtebauliche Setzung mit einer ökonomisch und ökologisch effizienten Bauweise und ist damit zukunftsweisend. Der Laubengang fungiert dabei als horizontales und vertikales Rückgrat, das Wohnungen, Geschosse und Hof miteinander verknüpft und alltägliche Begegnungen fördert. Diese Architektur des Miteinander wird durch vielfältige Gemeinschaftsräume ergänzt; von Dachterrassen über Durchgänge bis zu begrünten Dachflächen. Die strassenseitigen Balkone aktivieren den Stadtraum und bieten zugleich private Rückzugsorte. Ein zentraler Aufzugsturm und eine skulpturale Treppe schaffen innere Orientierung und stärken die Adressbildung. Das effiziente Raster und Konstruktionssystem als Elementbauweise mit Stützen, Unterzügen und modularen Nasskernen garantiert hohe Wirtschaftlichkeit und Flexibilität. So entsteht eine grosse Vielfalt an Wohnungstypen mit 1,5 bis 5,5 Zimmern, die unterschiedliche Lebensentwürfe abdecken. Durch die innovative Verknüpfung von Funktionalität, Vielfalt und Nachhaltigkeit entwickelt das Gebäude weit mehr als nur Wohnraum: Es schafft einen lebendigen Sozialraum für das Quartier.
Ausgangslage
Das Gesamtareal an der Thurgauerstrasse in Zürich-Seebach soll zu einem vielfältigen, nachhaltigen und gemeinnützig geprägten Stadtquartier weiterentwickelt werden. Ziel ist die Realisierung von preisgünstigem Wohnraum, ergänzenden Gewerbeflächen sowie eines öffentlich zugänglichen Quartierparks. Bestehende und bereits entschiedene Nutzungen wie ein Gesundheitszentrum, Alterswohnen und die Schulanlage sind in die Gesamtentwicklung zu integrieren. Die Arealentwicklung folgt dem kommunalen «Drittelziel» und leistet einen wesentlichen Beitrag zur Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum. Das rund 65’000m² grosse Areal weist heute eine heterogene Nutzung mit Familiengärten, Wohnhäusern, einer Gärtnerei sowie dem Haus Seebach auf. Das Areal liegt im östlichen Teil von Seebach entlang der bedeutenden Stadtachse Thurgauerstrasse. Diese ist geprägt durch eine vierspurige Verkehrsführung, ein begrüntes Tramtrassee und mehrere Baumreihen. Das Gebiet bildet eine Scharnierzone zwischen der stark verdichteten Zentrumszone im Osten und dem kleinteiligen Wohnquartier Grubenacker im Westen. Diese Übergangssituation ist im städtebaulichen Konzept sensibel zu bearbeiten.
Bestehende Strukturen und Raumordnung
Das Wettbewerbsgebiet liegt im Spannungsfeld zweier gegensätzlicher städtebaulicher Welten. Im Westen prägen kleinteilige Einfamilienhäuser mit privaten Gärten die Nachbarschaft, während im Osten grossmassstäbliche Büro und Hochhausbauten aufragen. Dazwischen entfaltet sich ein wertvoller Zwischenraum mit Gemeinschaftsgärten, Schuppen und informellen Wegen, die dem Ort eine menschliche Massstäblichkeit und feinkörnige Struktur verleihen. Diese Qualitäten bewahrt der Entwurf und überträgt sie in die neuen Gemeinschaftsräume sowie in die Nachbarschaft des Neubaus. Die Raumordnung des Teilgebiets D an der Thurgauerstrasse folgt den Regeln des Atriums und orientiert sich an den bestehenden Gärten und gemeinschaftlichen Bereichen. Diese wurden analysiert und in einer neuen Anordnung weiterentwickelt, die Aktivitäten innerhalb und ausserhalb des Gebäudes fördert. Dazwischen entsteht ein Spiel aus Laubengängen und Balkonen, das private Wohnungen, Hofbereiche sowie Gewerbe und Büroräume im Erdgeschoss miteinander verknüpft. So entsteht ein Projekt, das bestehende Strukturen respektiert und zugleich weiterdenkt ein Ort, der Vergangenheit und Zukunft verbindet und die soziale Interaktion im Quartier stärkt.
Tragwerk
Das Gebäude besteht aus drei primären Materialien: Das Fundament sowie aussteifende Treppenkerne/Liftschächte sind in Ortbeton ausgeführt, während der oberhalb der Bodenplatte gelegene Gebäudeteil in Holzsystembauweise errichtet wird. Diese Bauweise bietet signifikante wirtschaftliche Vorteile, insbesondere durch die Verkürzung der Bauzeit. Das Tragwerkskonzept ist als Skelettbau konstruiert. Die klare Anordnung der Tragachsen in Längsrichtung ermöglicht eine effiziente Bauausführung und schafft langfristige Flexibilität bei Raumaufteilung und Nutzung. Einteilige und im Bereich von Nutzungstrennungen zweiteilige Stützen und Unterzüge bilden das Rückgrat des Tragwerkes. Der Schallschutz wird in den Wänden durch ungebrannte Lehmbausteine und in den Geschossdecken mit einer gebundenen Schüttung wirtschaftlich realisiert, ohne die Vorteile der Trockenbauweise einzuschränken.
Die gewählte Bauweise ermöglicht einen sehr flexiblen und reversiblen Einsatz von Baumaterialien in den Wänden und Geschossdecken. Brandschutztechnisch wird das Gebäude in die Kategorie „mittlere Höhe“ eingestuft. Die gewählten Bauteilabmessungen gewährleisten die erforderliche Tragfähigkeit für eine 60-minütige Feuerwiderstandsdauer, ohne aufwändige Brandschutzverkleidungen zu benötigen. Der massive Kern, der als vertikaler Fluchtweg dient, ist mit stabilisierenden Wänden versehen und nachweislich kosteneffizienter gegenüber dem Holzsystembau. Die Balkone in geschickter Kombination von Stahl und Holz ergänzen die Konstruktion und nutzen die Vorteile hybrider Bauweisen. Mit wenigen Schichten erreicht man hier eine robuste, langlebige und wirtschaftliche Lösung. Die Wahl einer nichtbrennbaren Fassade macht im städtischen Kontext vor allem aus Nachhaltigkeits- und Brandschutzaspekten Sinn.
Gemeinschaftsräume und Laubengang
Die auf verschiedenen Geschossen angeordneten Gemeinschaftsräume bieten eine visuelle Verbindung sowohl zur Strassen- als auch zur Innenhofseite. Diese gemeinschaftlichen Bereiche beschränken sich nicht nur auf das Innere, sondern setzen sich über den durchgehenden Laubengang fort. Dieser ragt in unterschiedlicher Tiefe in den Innenhof hinein, wodurch ein Spiel von Vorsprüngen und Erweiterungen entsteht, das vielfältige Perspektiven eröffnet und die räumliche Qualität steigert. Darüber hinaus übernimmt er die Rolle einer Gemeinschaftsterrasse und bietet den Bewohner:innen einen geschützten Aussenraum. Als kollektive Alternative zu privaten Balkonen, die an der lärmbelasteten Thurgauerstrasse stark exponiert wären, schafft er Orte für Begegnung, Aufenthalt und individuelle Aneignung. So verbindet der Laubengang Erschliessung und Freiraum, fördert die Nachbarschaft und bildet eine räumliche Klammer zwischen den Wohnungen und dem Hof.
Wohnen
Ein strenges, gleichmässiges Raster bildet das Gerüst für ein vielfältiges Wohnungskonzept, das von 1,5 bis 6,5 Zimmer Wohnungen reicht und Joker Zimmer sowie gemeinschaftlich nutzbare Räume einschliesst. Alle Wohnungen werden über den bis zu 7,5 m breiten Laubengang erschlossen, der als geschützte Alternative zu Balkonen dient. Einige Einheiten bieten zusätzlich kleine Zweitbalkone zur Thurgauerstrasse. Die Schlafräume sind zum ruhigeren Innenhof orientiert, während eine mittlere Schicht aus Küche und Bädern durchquert wird, um den kleineren Wohnbereich am Rand zu erreichen ein Rückzugsort für Ruhe und Konzentration. Die Grundorganisation jeder Wohnung folgt einem durchdachten Schema: Beim Betreten gelangt man direkt in den Wohn und Essbereich, der als sozialer Kern der Familie dient. Die modulare Holzskelettstruktur aus Stützen, Unterzügen und Holzplatten sowie die zentralen Nasskerne erlauben maximale Flexibilität und eine Trennung von Roh- und Ausbau. So lassen sich Wohnungen während der Planung oder im Selbstbau an individuelle Bedürfnisse anpassen. Das System ermöglicht damit ein dynamisches Wohnen, bei dem unterschiedliche Lebensentwürfe, Generationen und Nutzungsszenarien nebeneinander bestehen und voneinander profitieren.
Projektinformation
Standort: Thurgauerstrasse Zürich
Nutzung: Gewerbe, Wohnen
Aufgabe: Analyse, Konzept
Projektbeteiligte Architektur: Dolores Franciskovic, Alfonso Calderon, Alejandro Brame
Landschaftsarchitektur: Planikum
Holzbau, Brandschutz: IHT
Nachhaltigkeitsaspekte: Encira


