Klostergarten
Schaffhausen
Ausgangslage
Das Projekt ‘Klostergarten’ umfasste drei historische Bestandsgebäude in der dicht bebauten Schaffhauser Altstadt. Die Häuser ‘Zum Pomeranzenbaum’, ‘Zum oberen Wacholderbaum’ und ‘Zum Wacholderbaum’. Die drei Liegenschaften blicken auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Mitten in der Altstadt Schaffhausens wurden sie einst angrenzend an den ehemaligen Spitalgarten St. Agnesengarten gebaut. Ihre Geschichte reicht bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück. Die Gebäude des Projekts Klostergarten trugen neben den denkmalgeschützten Merkmalen ihrer langjährigen Historie mittlerweile auch weniger schöne Spuren der Zeit. Die Repfergasse, an welcher sich die drei Liegenschaften befinden, bildete in den 1990er-Jahren das Herz der lokalen Drogenszene. Mitte 1990 wurde am Stadtrand eine Drogenanlaufstelle eröffnet. Dies ermöglichte die Etablierung der Gasse zu einem festen Bestandteil der Schaffhauser Ausgangsszene.
Zielsetzung
Historische Substanz
bewahren, städtische
Identität stärken
Das als Co – Housing konzipierte Projekt ‘Klostergarten’ zielte auf die Sanierung und Renovierung des Bestands in 8 Wohneinheiten und eine gewerbliche Nutzung des Erdgeschosses ab. Zusammen mit vier engagierten Parteien und verbunden durch den Traum, gemeinsam den dritten Lebensabschnitt in der Altstadt zu verbringen, entwickelte das Team von Dost ein stärkendes Nebeneinander von Geschichte und neuen Wohnformen.
Ziel war es, sie für die heutigen Ansprüche an Energie und Wohnformen anzupassen und den Bestand zu erhalten oder wortwörtlich teilweise auszugraben. Die drei Liegenschaften sollten zudem die Repfergasse aufwerten und dem Leerstand von Gewerbeimmobilien in der Schaffhauser Altstadt entgegenwirken.
Auftraggeber:
Bewohner
ORE GmbH
Fachplaner/Beteiligte:
Illustrationen: Kooni
Stuckatur Arbeiten: Andreas Vogelsanger, Schaffhauser Stuck
Objektfotografien: Bürobureau
Prozessfotografien: Dost Architektur
Zielgruppe:
Eigentümerschaft in Pension, Gewerbe
Nutzung:
Mischnutzung (Wohnen&Gewerbe)
Fertigstellung:
2022
Prozess
Neue Wohnqualität
im historischen Gefüge
Die Wohnungen und somit die privateren Bereiche des Konzepts öffnen sich zum St. Agnesengarten hin mit einem Blick ins Grüne. Der Garten bietet Ruhe trotz der dichten Bebauung der Schaffhauser Altstadt. Um die Wirkung der Natur zu verstärken und Innen- und Aussenraum zu verbinden, wurden Loggien aus durchgefärbten Beton angebaut. Sie fügen sich trotz ihrer modernen Form in die Gebäudezeile ein, erweitern die Wohneinheiten und lassen viel Privatsphäre für die Bewohner. Dank des Blicks durch die Balkontüren werden die Innenräume der Wohnungen aufgewertet.
Im Zuge der vollständigen energetischen Sanierung erhielten die Liegenschaften neue dreifach verglaste Holzsprossenfenster, das Dach wurde neu isoliert und der Dachstock ausgebaut. Die Böden wurden zugunsten der Brandschutz- und Trittschallanforderungen entfernt und durch hochwertige Holzböden ersetzt. An einigen Stellen konnte die ursprüngliche Giebelfassade freigelegt werden. Zusammen mit einem Spezialisten wurde bestehende Stuckaturarbeiten repariert, fixiert und wo nötig ergänzt. Zusätzlich wurden alle Wohneinheiten barrierefrei erschlossen. Neben den Innenräumen der drei Gebäude werden auch an den Fassaden zur Gasse und zum Innenhof hin vereinheitlichende und erneuernde Massnahmen ergriffen. Neuer Putz, umfassende Reinigung der Fassadenelemente, Erneuerung der Fenster und Türen sowie die Restaurierung eines historischen Erkers am Haus “Zum oberen Wacholderbaum“ waren Teil dieser Massnahmen. Das Erdgeschoss bietet neuerdings Raum für eine Bürogemeinschaft mit 20 Arbeitsplätzen, einen grossen Gemeinschaftsbereich inklusive Küche und einen Meetingraum.
Nachhaltigkeit
als Evolution
statt Revolution
Das Projektteam Klostergarten verfolgte einen ganzheitlichen Ansatz in Sachen Nachhaltigkeit. Die graue Energie des bestehenden Gebäudes wurde maximal genutzt – das Projekt ist daher eher eine behutsame Evolution als eine radikale Revolution. In puncto Energie erfüllen die Gebäude nach dem Umbau den Standard für Neubauten.
Der Grundriss folgt einem klaren Prinzip: Die nach Süden ausgerichtete Hoffassade beherbergt nun die Treppenhäuser und Loggien, während die Wohnungen zur Gasse hin ausgerichtet sind. Diese Ausrichtung stärkt die Interaktion zwischen den Bewohnern und dem öffentlichen Raum – statt sich von der Gasse abzuwenden, wird die Repfergasse sozial aktiviert und aufgewertet.
Die Loggien zur Hofseite ermöglichen grosszügige, raumhohe Fensteröffnungen und damit eine moderne Wohnqualität im historischen Gebäude. Im Sommer bieten der grosse Hofbaum und die Loggien selbst einen natürlichen Sonnenschutz – auf Jalousien wurde bewusst verzichtet. Im Winter hingegen lassen die kahlen Äste ausreichend Licht ins Innere.
Im Erdgeschoss befinden sich zwei Fahrradkeller – einer für E-Bikes und einer für herkömmliche Fahrräder. Das Gebäude ist für Menschen konzipiert, die die Nähe zur Altstadt und die gute Erreichbarkeit schätzen.
Dialog der Künste
Klostergarten ist ein Dialog zwischen Stadt- und Architekturplanung, Innenarchitektur, Handwerkskunst und bildender Kunst, wobei jedes Element als gleichwertiger Teil eines grösseren Ganzen betrachtet wird. Auf städtischer Ebene stärkt das Projekt die Beziehung zwischen den Gebäuden und dem Garten und wertet gleichzeitig die Repfergasse auf, einen ehemaligen Hotspot der Drogenszene. Obwohl es sich um die Südfassade handelt, wurde die Treppe bewusst zum Garten hin ausgerichtet, um die Gasse zu beleben und ihren sozialen Wert wiederherzustellen. Die Loggia schmiegt sich an die historische Fassade: unverwechselbar in ihrer Sprache, doch respektvoll in ihrer Präsenz.
Die Intervention begann mit einer Beobachtung des Kontexts und der Struktur. Zum oberen Wachholderbaum spiegelt die Architektur der 1970er Jahre mit fliessenden Grundrissen, hohen Decken und geraden Linien wider; die beiden angrenzenden Anwesen zeichnen sich durch kleinere Räume und barocke Stuckarbeiten aus. Die zum Park hin gelegene Loggia bringt die Wohnungen auf einen zeitgemässen Standard. Grosse Fenster öffnen nun die Rückfassade für Licht und Luft und vermitteln zwischen den architektonischen Epochen. Trotz ihrer Größe bleibt die Intervention in Ton, Form und Material zurückhaltend und fügt sich in das alte Stadtgefüge ein.
Im Inneren wird historische Handwerkskunst nicht nur bewahrt, sondern wiederbelebt. Originalstuckaturen wurden von spezialisierten Handwerkern repariert, restauriert und erweitert, wodurch Architektur und angewandte Kunst miteinander verschmolzen. Fussböden, Oberflächen und Details zeugen von hoher Materialqualität – in Vergangenheit und Gegenwart.
Zeitgenössische bildende Kunst tritt durch Koonis ortsspezifische Illustrationen in diesen Dialog ein. In Anlehnung an den Fundzustand des Gebäudes – darunter Dutzende ausrangierte Waschmaschinen – interpretieren ihre Zeichnungen Stuckarbeiten aus dem 18. Jahrhundert neu: nicht als bloße Verzierung, sondern als narrative Form.
Resultat
Verborgene Qualitäten
jeder Epoche werden
durch Architektur,
Kunst und Nutzung
offenbart und neu bewertet.
Das Projekt steht nicht nur für einen architektonischen Neuanfang der Gasse und ihrer Umgebung, sondern zeigt, wie partizipative und alternative Architekturprojekte einen gesellschaftlichen Unterschied machen können. Sie beeinflussen die direkte Umgebung positiv und wirken über die Bausubstanz hinweg in die Gesellschaft. Zur künstlerischen Aufwertung der Liegenschaft entwickelte die lokale Künstlerin Koni Illustrationen entlang des Treppenhauses. Diese schaffen eine spielerische Verbindung zur lebhaften Geschichte des Gebäudes. Mit ihrer optischen Leichtigkeit und Materialität fügen sie sich in ihre Umgebung ein.